Den Journalismus zukunftssicher aufstellen

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Demokratie braucht qualifizierten Journalismus: Darin sind sich alle Autoren des Bandes „Medien und Journalismus 2030 – Perspektiven für NRW“ einig, und suchen nach Wegen, ihn zukunftssicher zu machen.

Die Medienlandschaft erlebt nun mal, das ist wahrlich keine neue Nachricht, umwälzende Veränderungen. Folgende Kennzahlen dazu: Die Gesamtauflage der Zeitungen in Deutschland hat sich von 2002 bis 2016 um rund ein Drittel reduziert, die Anzahl der Radiosender von 297 auf 415 erhöht und in jeder Minute werden auf YouTube mehr als 400 Stunden Videomaterial hochgeladen.

Soziale Medien sind bisher kein Ersatz

Journalisten, Medienexperten, Verleger und führende Kräfte aus Verlagshäusern betrachten ihn diesem rund 160 Seiten starken Band die aktuellen Gegebenheiten und beschreiben die Herausforderungen, die es in den nächsten Jahren zu bewältigen gilt. Dabei stellt Christian DuMont Schütte beispielsweise heraus, dass die sozialen Medien eine (große) Hoffnung nicht erfüllt haben: Einen professionellen Journalismus haben sie nicht ersetzt. Dabei, das unterstreicht, Klaus Schrotthofer, von 2004 bis 2007 Chefredakteur der Westfälischen Rundschau und heute Geschäftsführer der Mediengruppe „Neue Westfälische“, brauche man guten Journalismus, sei er doch die „Firewall einer freien Gesellschaft“.

In seiner Analyse beschreibt Schrotthofer, dass allerdings Verlagshäuser immer weiter Stellen abbauen und zentralisieren. Um Kosten zu sparen, schlägt er einen alternativen Weg vor: Verlage sollten regional und projektbezogen mehr kooperieren dürfen. Dazu sollten dann auch per Reform des Kartellrechts die Wege geebnet werden. Kritisch merkt Schrotthofer überdies an, dass sich die Tarifbindung von Verlagen „zusehends zum Wettbewerbsnachteil“ entwickele und somit auch die Attraktivität der Medienbranche als Arbeitgeberin insgesamt leide.

Allenthalben der leidige Kostendruck

Kostendruck herrscht aber, wenn auch nicht so eklatant wie bei den Zeitungen, auch im Rundfunk, wobei hier sowohl der private wie auch der öffentlich-rechtliche gemeint ist. WDR-Intendant Tom Buhrow beschreibt die angespannte Lage im eigenen Haus, spricht von 500 Stellen, die man habe streichen müssen, um einem finanziellen Offenbarungseid zuvorzukommen. Perspektivisch betrachtet sieht Buhrow durchaus eine Reihe von Problemen. Die finanzielle Sicherheit für den Sender ist dabei eine ganz entscheidende Frage. Der Intendant überlegt darüber hinaus auch, worin denn dauerhaft die Sender phoenix und tagesschau 24 unterscheidbar sein wollen und welches Publikum eigentlich den Sender One einschalten soll. Insgesamt sieht Buhrow die öffentlich-rechtlichen Sender gut aufgestellt, das attestiert Sascha Fobbe auch dem lokalen Privatfunk in NRW. Um aber dauerhaft wetterfest zu sein, brauche das gesamte System mehr Flexibilität, von denen die einzelnen Sender profitieren sollen.

Zwischen Stiftungen und Crowdfunding

Da an allen Ecken und Enden Geld fehlt, schlagen mehrere Verfasser ganz unterschiedliche Finanzmodelle vor, um Qualitätsjournalismus zu retten oder auch zu ermöglichen. Stiftungen könnten eine solche Lösung sein, Crowdfunding und gemeinnützige Vereine. Doch jeden einzelnen Vorschlag unterziehen Verfasser einer differenzierten Betrachtung. Wer steckt beispielsweise hinter einer bestimmten Stiftung, lautet eine kritische Rückfrage.

Zu Crowdfunding gibt es bereits konkrete Beispiele, aber der Autor und Journalist René Schneider gibt zu bedenken, dass eine solche Schwarmfinanzierung sich nicht für eine dauerhafte, sondern eher für eine projektbezogene Berichterstattung eigne. Die von Klaus Schrotthofer genannten Kooperationen sind zwar auch für die Kölner Kulturredakteurin Anne Burgmer eine große Chance, was sich nach ihren Worten an der Zusammenarbeit von NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung zeigt und hier wieder exemplarisch an den “Panama Papers”. Doch nach Burgmers Ansicht mangelt es an Transparenz, sodass man nicht genau wisse, wie viel Geld nun von welchem Medienhaus stamme.

Wenn der “Prosument” die Szene betritt

Besonderer Anstrengungen aller Beteiligten bedarf es, die journalistische Ausbildung zu bewerkstelligen und Nachwuchs zu gewinnen. Eine weitere wichtige Aufgabe besteht nach Ansicht mehrerer Autoren darin, dass sowohl Print wie auch Rundfunk die Digitalisierung meistern. Im Internet habe man es inzwischen mit Prosumenten zu tun, also einer Mischung aus Produzent und Konsument, denn der User greife durch eigene Beiträge aktiv in den Journalismus ein, sei aber auch weiterhin Nutzer der Angebote.

Um lokale Informationen zu erhalten, heißt es in dem Band, würden noch immer im großen Umfang die Seiten der Tageszeitungen angeklickt. Blogs hätten noch längst nicht diesen Stellenwert bekommen. Mit der Stiftung „Vor Ort NRW“ der Landesanstalt für Medien sei eine Plattform geschaffen worden, die vor allem das lokale Angebot stärken wolle, heben die Medienfachjournalistin Ulrike Kaiser, zugleich Sprecherin der Initiative „Qualität im Journalismus“, und Simone Jost-Westendorf, Geschäftsführerin der Stiftung, hervor.

Das gesamte Bemühen um professionellen und qualitativ hochwertigen Journalismus sollte aber damit korrespondieren, dass vor allem Jugendliche, aber nicht nur sie, in Medienkompetenz geschult werden, fordern die Medienpolitiker Marc Jan Eumann und Alexander Vogt. Denn schließlich kann man, wie in dem Band dargestellt, in NRW auch einen Sender namens “Russia Today” empfangen, den man durchaus skeptisch betrachten kann und sollte…

Marc Jan Eumann, Alexander Vogt (Hrsg.): “Medien und Journalismus 2030, Perspektiven für NRW”. Klartext Verlag, Essen. 166 Seiten, 17,95 €.

Dieser Beitrag ist auch auf der Seite http://www.revierpassagen.de erschienen.

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Referentin Gabriele Winkler fordert die Gesellschaft auf, Care-Beschäftigte stärker zu berücksichtige

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Gabriele Winker zu Gast bei Richard Geisen. (Foto: Theo Körner)

Sie kümmern sich um Kinder und Senioren, um kranke und bedürftige Menschen. Sie erledigen diese Aufgaben von Berufs wegen, als ehrenamtliche Helfer oder in der Familie. Solchen Tätigkeiten der Fürsorge schenke die Gesellschaft aber viel zu wenig Beachtung, betonte die Hamburger Arbeitswissenschaftlerin Gabriele Winker beim Querdenkerabend in der Kommende. Es sei endlich an der Zeit, die Situation von „Care-Beschäftigten“, wie sie in der neueren Wissenschaft genannt werden, stärker in den Blick zu nehmen. Das Wort Beschäftigte, erläuterte die Professorin dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass damit sowohl bezahlte als auch unbezahlte Tätigkeiten gemeint sind. Die Erzieherin in der Kita gehöre ebenso dazu wie die Mutter, die das neugeborene Baby pflegt.

Zu 80 Prozent seien Care-Beschäftigte Frauen. Wenn sie einige Zeit nach der Geburt des Kindes in den Beruf zurückkehren, spreche man davon, dass die Frauen „nun wieder arbeiten gehen“ würden. Dabei sei aber doch Pflege und Erziehung des Kindes, die sie vorher und auch während ihres beruflichen Einsatzes ausüben, ebenso eine fürsorgende Tätigkeit, eine wichtige allzumal.

Solche Sichtweisen sind nach Winkers Darstellung ganz eng mit der Rollenverteilung verknüpft, die über lange Zeit in Deutschland vorherrschend gewesen sei. Der Mann habe, da er meist der einzige in der Familie war, der Geld verdiente, als Ernährer gegolten, damit sei die Bedeutung der Hausarbeit, die Frau geleistet habe, kaum Bedeutung beigemessen worden. Als dann in den 80er und 90er Jahren allmählich ein Wandel begann und die Erwerbstätigkeit von Frauen zunahm, sei das eigentliche Ziel gewesen, die Wirtschaft voranzubringen. Frauen wurden dabei nicht entlastet, sondern im Gegenteil: Sie hatten jetzt eine doppelte Last zu tragen, waren sie doch sowohl (weiterhin) für die Familie zuständig und mussten darüber hinaus ihren Beruf ausüben. Um nun aber ein weiteres Ziel zu erreichen, nämlich die Erhöhung der Geburtenrate, förderte der Staat den Ausbau von Kita-Plätzen und schuf das Modell des Elterngeldes. Nach Ansicht der Referentin haben die Verantwortlichen aber nicht wirklich die Sorge um das Kind im Sinn gehabt. Das Elterngeld führe durch die Art und Weise der Berechnung und der Ausgrenzung von Empfängern des Arbeitslosengeldes 2 in der Konsequenz zu finanziellen Ungleichheiten. Schaue man zudem auf die Zahl der Kita-Plätze zeige sich eine erhebliche Lücke, 42 Prozent der Eltern würden gern ihr Kind im Alter unter drei Jahren unterbringen, der Bedarf könne aber nur zu 35 Prozent gedeckt werden. Meist haben auch Hartz-IV-Bezieher das Nachsehen bei dem Bemühen um einen Kita-Platz, verdeutlichte Gabriele Winker. Kinder aus bildungsnahen Familien würde eher der Vorzug gegeben als dem Nachwuchs aus sozial schwachen Verhältnissen.

Erheblichen Nachbesserungsbedarf sieht die Wissenschaftlerin bei der Finanzierung und sozialen Absicherung von Pflegekräften. Hier sei es dringend geboten, entsprechende Rahmen zu schaffen, dass die Beschäftigten, wenn sie das Rentenalter erreichen oder den Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können, in der Grundsicherung landen.

Auf deutliche Kritik stößt bei Gabriele Winker, dass in der häuslichen Altenpflege sehr häufig polnisch stämmige Migrantinnen tätig sind, die weit unter Mindestlohn bezahlt werden. Die Missstände zu unterbinden, sei schwierig, weil es sich hier um die Privatsphäre von Familien handele.

Im Übrigen weitete die Referentin das Wort von Care-Beschäftigung auch in eine ungewöhnliche Richtung: Denn nach ihrer Interpretation stellt auch das Kümmern um eigene Belange und Erfordernisse, wie Weiterbildung, Planung etc. einen Teil des Tätigkeitsfeldes dar.

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Afrika-Experte: Kontinent könnte sich selbst helfen

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Kommende-Dozent Richard Geisen sprach mit Dr. Boniface Mabanza über die Entwicklung Afrikas. (Foto: Theo Körner)

Für eine Neuorientierung in den Handelsbeziehungen zwischen der Europäischen Union und Afrika hat sich Dr. Boniface Mabanza im Sozialinstitut Kommende ausgesprochen. Der Koordinator der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) in der Werkstatt Ökonomie in Heidelberg verdeutlichte, dass die Rahmenbedingungen den meisten afrikanischen Staaten schaden würden. Statt die regionalen Märkte zu stärken, laufe man Gefahr, sie zu schwächen. Das wiederum sei vollkommen konträr zu dem Ziel, Flucht und Migration zu verringern.

In der Reihe „Querdenker im Interview“ stellte der Literaturwissenschaftler und Theologe die brisante Bedeutung der Freihandelsverträge heraus. Durch die so genannten Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (EPA) sollen, wie Mabanza erläuterte, die Zölle von EU-Exporten nach und nach deutlich gesenkt werden. Das werde aber, wie schon jetzt absehbar, Handel, Landwirtschaft und Industrie vor Ort in Afrika noch mehr schädigen. Schon jetzt seien in einigen Regionen durch Importe aus der EU Märkte enorm unter Druck geraten, die Lage werde sich noch weiter verschärfen. Die Europäische Union übe sehr starken Druck auf die Staaten aus, meinte Mabanza, damit sie die Verträge unterzeichnen. Die einzelnen Regierungen würden unterschiedlich reagieren, ein geschlossenes Auftreten sei allerdings auch nicht erkennbar. Daher gebe es momentan auch kein einheitliches Bild zum Stand der EPA-Verhandlungen. So haben beispielsweise Ghana, die Elfenbeinküste und Kamerun bereits erste Abkommen mit der EU geschlossen, erklärte der Referent, doch das widerspreche dem eigentlichen Bemühen, alle Regionen gemeinsam zu erfassen.

Dabei hätte der Kontinent eigentlich angesichts seines Rohstoffreichtums beste Chancen, aus eigener Kraft wirtschaftlich erfolgreich zu sein und die Bevölkerung daran teilhaben zu lassen. Doch die autokratischen Regime zahlreicher Staaten und mit ihnen die Eliten des Landes setzen nach Mabanzas Worten alles daran, dass sie allein von den Gewinnen profitieren statt das Geld in Bildung, Gesundheit und soziale Fürsorge zu investieren. Die Konzerne und Unternehmen, die sich in Afrika engagieren, haben indes wenig Interesse daran, wohin Gelder fließen. Ihre Koalitionen mit der jeweiligen Regierung dienten vornehmlich dem Ziel, möglichst günstig an Rohstoffe und Bodenschätze zu kommen. Die derzeitigen Systeme führen dazu, so der Referent, dass der Kontinent Jahr für Jahr einen Kapitalabfluss von 40 Milliarden Dollar zu verkraften habe.

Mit seinem Marshall-Plan für Afrika, spreche Gerd Müller, Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, durchaus eine andere Sprache, meinte Mabanza. Erklärtermaßen wolle man mit dem Programm einen fairen Handel fördern, die Wertschöpfung, zum Beispiel bei Bodenschätzen oder der Landwirtschaft, vor Ort unterstützen und auch schädliche Exporte von der EU nach Afrika eindämmen. Doch die Wirklichkeit auf dem afrikanischen Kontinent sehe eben anders aus. Vom Afrika-Gipfel Ende November in Abidjan, Hauptstadt der Elfenbeinküste, hätte sich der Referent ganz klare Aussagen zu konkreten Maßnahmen erhofft. Doch in dem Abschlusskommuniqué zu dem Treffen mit 80 Regierungschefs aus Afrika und der EU sei mit keinem Wort erwähnt, welchen Gefahren die Wirtschaft zahlreicher Länder ausgesetzt sei, wenn Zölle weiter heruntergesetzt und damit Handelsbarrieren abgebaut würden.

Wie es auch anders gestaltet werden kann, zeigte der Experte für Entwicklungszusammenarbeit am Beispiel von Botswana auf. Als dort in den 60er Jahren große Diamantenvorkommen entdeckt wurden, habe die Regierung sofort geregelt, dass die ausländischen Unternehmen Steuern zahlen müssen. Die Einnahmen seien dann in die soziale Infrastruktur geflossen.
Ganz anders verhalte es sich, schilderte Mabanza, in seinem Heimatland, der Demokratischen Republik Kongo, das aufgrund seines Uranvorkommens enorme Bedeutung habe – bis heute. Der Westen habe in Zeiten des Kalten Krieges den Gewaltherrscher Mobutu unterstützt, der sich als antikommunistisch positioniert habe. Die Chance zum Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens habe aber der Westen nach dem Sturz des Autokraten nicht genutzt, sondern vielmehr den Zerfall staatlicher Strukturen zugelassen. Mittlerweile sei das Land zum Spielball internationaler Akteure geworden und große Teile der Bevölkerung seien immer wieder Gewalt und kriegerischen Handlungen ausgesetzt.
Mabanza, der im Vorfeld des Afrika-Gipfels, an einem Alternativgipfel mit zahlreichen Nicht-Regierungsorganisationen teilgenommen hatte, hob allerdings hervor, dass sich derzeit unter der Jugend Afrikas neue Bewegungen formieren würden. Sie wollen die Entwicklungen nicht mehr länger hinnehmen. Einer dieser Bürgerbewegungen, die derzeit von sich reden machen, hat sich den Titel gegeben: „Wir haben es satt“.

 

Dr. Boniface Mabanza hat in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa studiert, kam 2002 nach Deutschland, wurde 2007 in Münster promoviert. Ein Jahr später begann er seine Arbeit bei der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA).

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SPD vor Zerreißprobe? Das ganze Land ist betroffen

Heute nun will Martin Schulz in Dortmund für die Groko werben. Das dürfte kein einfaches Unterfangen sein, denn am Wochenende schon war deutlicher Gegenwind zu spüren. In der SPD mehren sich die Stimmen, die in den Ergebnissen der Sondierungsgespräche sozialdemokratisches Profil vermissen. Steuern und Bürgerversicherung sind nur zwei der Themen, die Anlass zu Mäkeleien bieten. Am Wochenende dann folgt der Parteitag, auf dem abgestimmt werden soll: Will, kann, soll die SPD in konkrete Koalitionsgespräche eintreten? Es wird ein schwieriger Spagat werden und dererlei Wortgebilde ließen sich noch mehr finden, um darzustellen, dass die SPD in den Verhandlungen bislang noch nicht das von vielen Mitgliedern gewünschte Maximum herausgeholt hat. Aber: Ein Parteimitglied aus dem Westfälischen hat es in einem Kurzinterview auf den Punkt gebracht. Die Partei habe nun mal auch nur 20 Prozent der Stimmen erzielt, das müsse man schlichtweg bedenken. Da kann sie wohl kaum das Regierungsprogramm zu 100 Prozent bestimmen wollen. Wäre also doch die Opposition die bessere Alternative gewesen? Auch darüber ließe sich lange fabulieren. Fakt ist: Jamaika ist geplatzt und das Land braucht eine neue Regierung. Wenn die Kritiker einer Koalitionsbeteiligung in den nächsten Tagen lauter werden und die Partei wirklich vor einer Zerreißprobe steht, kann es nicht nur für die SPD problematisch werden. Ein angeschlagener Koalitionspartner ist in einer Regierung keine sichere Bank. Sollten die Gegner einer Regierungsbeteiligung obsiegen, wird es noch schwieriger. Dann stünde das ganze Land vor einem Scherbenhaufen. Und es dürfte schwierig werden, die Gräben in der SPD wieder zu schließen.

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Die Kriegstagebücher von Heinrich Böll: Mit knappen Worten das Grauen beschrieben

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Wenn man den Titel liest „Kriegstagebücher von 1943 bis 1945“ und der Autor den Namen Heinrich Böll trägt, dann mag man als Leser ein Werk erwarten, in dem der Literaturnobelpreisträger, der am heutigen 21. Dezember 100 Jahre geworden wäre, den Widersinn und das Grauen des Krieges wortmächtig zur Sprache bringt. Doch wer den Band, den jetzt sein Sohn René Böll herausgegeben hat, zur Hand nimmt, wird schon nach wenigen Seiten feststellen, dass es sich fast ausnahmslos um kurze Notizen und Bemerkungen handelt, mitunter ist es nur eine Zeile oder ein einziges Wort, das Heinrich Böll an einem Tag niedergeschrieben hat. Gleichwohl erlauben die Eintragungen einen Einblick in das Seelenleben eines Soldaten, der bei Kriegsbeginn 21 Jahre alt war. Die drei von insgesamt sechs Kriegstagebüchern, die übrigen sind verschollen, hat der gebürtige Kölner dann ab den Zeiten geführt, als er erstmals in den Osten verlegt wurde. Bis dahin hatte ihn der Kriegsdienst über Osnabrück in die Niederlande und nach Frankreich geführt. In der Schreibstube, in Werkstätten und auf dem Kasernengelände war aber die Front weit entfernt. Das sollte sich im Herbst 1943 ändern, als er zunächst auf der Krim, später in Transnistrien und danach in Rumänien eingesetzt wird.

Schon gleich zu Beginn bringt er in dem Tagebuch seine ihn bedrückenden Gefühle zum Ausdruck, schreibt beispielsweise von „der absoluten Verlorenheit der Infanterie“. Aus anderen, ganz knappen Eintragungen wird das Elend deutlich, das ihn umgibt: „Blut Dreck, Schweiß und Elend: Das Gejammer der Verwundeten und Sterbenden, der Platz beim Essenholen.“ Wie schwierig und lebensgefährlich es war, überhaupt an Essen zu kommen, weil man auf dem Weg dorthin von einer Granate getroffen werden konnte, lässt sich aus Bölls Bemerkungen ganz deutlich herauslesen. Häufig spricht er von seinem eigenen Leiden, von Nächten, in denen er keinen Schlaf findet, beklagt sich über die Läuse, die ihn immer wieder heimsuchen. Manches erscheint auch wie ein Ausruf, wenn es heißt „diese entsetzlichen Stukas.“ Den Begriff Arzt versieht Böll an einer Stelle mit Ausrufe- und Fragezeichen, denn der Schriftsteller wurde mehrfach während des Krieges schwer verletzt.

Ganz häufig taucht auch der Eintrag „Gott“ auf, den er um Hilfe bittet oder dessen Existenz er hervorhebt. Bekanntlich hatte Heinrich Böll ein sehr kritisches Verhältnis zur katholischen Kirche, verstand sich aber durchaus als ein gläubiger Mensch. Noch viel öfter aber schreibt er – in großen Lettern – den Namen seiner Frau Anne-Marie, die er auf einem Heimaturlaub 1942 heiratete. Sie ist, wie es Böll zum Ausdruck bringt, „sein Leben“ und dem kleinen Heft vertraut er auch an, wie sehnsüchtig er sie vermisst. Die Gedanken an sie geben ihm ganz offensichtlich Kraft, die Grausamkeit des Krieges zu ertragen, die Böll aber nicht nur auf der Krim erlebt. Auch später, als er nach Rumänien kommt, hält sein Entsetzen über das brutale Geschehen an. Dazu bedarf es weniger Begriffe, denn Worte wie „Jammer, Blut, Feuer, Not, Dreck und Elend“ sprechen für sich. Eine Gegenwelt scheinen ihm seine Träume zu bieten, die er ganz offenherzig schildert, vom Auswandern phantasiert oder gemeinsam mit seinem Bruder unterwegs ist und badende Mädchen trifft.
Die Qualen der Realität holen Böll schnell wieder ein, durch seine Verletzungen ist er gesundheitlich schwer angeschlagen. Er kann zwar zwischenzeitlich wieder nach Köln und zu seiner Frau zurückkehren, doch eben nur für wenige Wochen. Als er zu Ende des Krieges in Gefangenschaft gerät, muss er einmal mehr großes Leid ertragen: „Hitze, Elend, Kälte, Hunger“ notiert er in sein Tagebuch, das der einstige Germanistikstudent so lange führt, bis er am 15. September 1945 im Bonner Hofgarten aus der Gefangenschaft entlassen wird.

Sicherlich stellt sich die Frage, ob diese Tagebücher, die Heinrich Böll seiner Familie überlassen hat, neue Erkenntnisse über das Leben und das Werk des bedeutenden Schriftstellers erbringen. Eine eindeutige Antwort zu geben erscheint durchaus schwierig, aber eines lässt sich gewiss festhalten: Schon in jungen Jahren hat Heinrich Böll seine Abscheu gegenüber dem Krieg zum Ausdruck gebracht und durch seinen Einsatz an der Front, wusste er, wovon er sprach.

Heinrich Böll: „Man möchte manchmal weinen wie ein Kind. Die Kriegstagebücher 1943 bis 1945“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 352 Seiten, 22,00 Euro

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Stuttgart21 und das Grab

„Stuttgart 21 wird immer teurer/Günstig ins Grab“: Mit dieser Kombination hat sich gerade der Infografik-Ticker statista zu Wort gemeldet. Hinter den beiden Schlagzeilen verbergen sich, wie unschwer zu erkennen,die Nachrichten über die Kostenexplosion beim umstrittenen Verkehrsprojekt im Schwabenland und die Ausgaben für Bestattungen. Gibt es aber vielleicht auch einen inneren Zusammenhang, also gibt es eine Kombination von Stuttgart21 und Grab? Die Zeitgleichheit von Nachrichten beflügeln schon manchmal die Fantasien – so auch in diesem Fall. Wobei man allerdings anmerken muss, dass dann ein Begriff stört: günstig. Denn genau das zeigt ja die jüngste Entwicklung: Billig ist das Prestigeobjekt in der Landeshauptstadt nun wahrlich nicht und auch wenn man es jetzt beerdigen würde, würde der Staat, sprich der Steuerzahler auf einem hohen Schuldenberg sitzen bleiben. Schenkt man den Meldungen Glauben, dann bestehen derzeit in der Tat Überlegungen, Stuttgart21 zu beerdigen.

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Die Eliten und der Reichtum

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Michael Hartmann im Gespräch mit Richard Geisen.   (Foto: Theo Körner)
Eine weltweit agierende Elite, die untereinander vernetzt den Globus regiert, existiert trotz aller gegenteiligen Aussagen nicht – so der Soziologe Michael Hartmann gleich zu Beginn des Querdenkerabends mit Kommende-Dozent Richard Geisen hervor. Der Umkehrschluss, dass es grundsätzlich keine Eliten an den Schaltstellen der (Wirtschafts-)Macht gibt, ist nach Darstellung des Wissenschaftlers von der Darmstädter Uni ebenso falsch. Der bekannte Elite-Forscher sprach in der Kommende vor weit über 100 Gästen zum Thema „Soziale Ungleichheit und die –Rolle der Eliten“.

Aufgrund seiner jahrelangen Forschungen kann Hartmann nachweisen, dass Eliten meist an ihre Heimatländer gebunden bleiben. Die Spitzenmanager großer Konzerne und die Eigentümer riesiger Vermögen sind zwar häufig international unterwegs, erläuterte Hartmann, aber letztlich fühlten sie sich dem Land zugehörig, in dem sie auch den überwiegenden Teil ihrer Zeit leben, in dem die Keimzelle und die Zentrale ihres Unternehmens beheimatet ist.

Die Eliten der jeweiligen Länder verstehen es nach Aussage von Hartmann meist sehr gut, sich nach außen abzuschotten. Aufsteiger haben demnach nur in Ausnahmefällen eine Chance. Die Techniken der Abgrenzung seien durchaus subtil, eine excellente Bildung und Ausbildung genügten keineswegs, um in die in sich geschlossenen Kreise der oberen Zehntausend einzudringen. Schon am Habitus (Sprache, Auftreten, Umgangsformen) sei die gesellschaftliche Herkunft leicht erkennbar; sie werde zum unausgesprochenen Kriterium für Ausschluss und Aufnahme. Selbstverständlich seien bei den herausgehobenen Positionen tadellose Berufs- bzw. Studienabschlüsse vorausgesetzt; doch die könnten zahlreiche potentielle Aufsteiger ebenfalls vorweisen. Entscheidend sei dann doch der „passende“ familiäre Hintergrund in der Reichtums- und Machtelite. Als Beispiele für die seltenen Ausnahmen nannte der Referent Hartman Martin Winterkorn, Ex-VW-Manager, und Heinrich Hiesinger, Chef von ThyssenKrupp. Der erste stammt aus einer Arbeiter-, der zweite aus einer Bauernfamilie. Solche Führungskräfte bekommen meist in Umbruch- oder Krisensituationen eine Chance, erklärte der Soziologe.

Reichtum, so Hartmann, ist in Deutschland meist über Generationen an bestimmte Familien gebunden, wie es unter anderem die Beispiele Quandt oder Piech/Porsche belegen. Sie sind durch ihre Unternehmen zu vielfachen Milliardären geworden. Insgesamt gebe es zurzeit allein in Deutschland 187 Milliardäre. Die Zahl habe sich seit 2001 verdoppelt. Ebenfalls verdoppelt habe sich in den vergangenen Jahren die Anzahl der Obdachlosen (März 2017: 400.000). Von den Superreichen zu unterscheiden seien die vielen wohlhabenden und besonders gut verdienenden Menschen im Lande: Als Richter an den Obergerichten oder Leiter von Forschungsgesellschaften (z.B.) könnten sie ein beachtliches Einkommen erzielen. Der Verdienst von Politikern, unterstrich Hartmann, falle meist erheblich niedriger aus, als von einem Großteil der Allgemeinheit geschätzt. Wenn eine Bundeskanzlerin 250.000 Euro jährlich bekomme, sei dies das Niveau, das auch der Chef einer mittelgroßen Sparkasse erreiche.

Der Trend zu den exorbitant hohen Managervergütungen in der freien Wirtschaft begann nach Aussage Hartmanns in Deutschland erst mit der Fusion von Daimler/Chrysler. Der damalige Daimler-Boss Schrempp habe seinerzeit gefordert, dass auch er Anrecht auf ein ähnliches Spitzensalär habe, wie es für den Vorstandsvorsitzenden bei Chrysler längst üblich war. Wenn heute nun immer wieder argumentiert werde, deutsche Firmen müssten ihren Managern schon deshalb Spitzengehälter bieten, weil sie sonst in andere Länder abwandern würden, sei das allerdings ein sehr fragwürdiges Argument. Dagegen spricht die obengenannte persönliche Bindung an das eigene Herkunftsland und die Schwierigkeit, im Ausland auf Anhieb einen entsprechenden Job zu finden. Hartmann dazu: „Von den 4.000 börsennotierten Unternehmen in den USA werden gerade mal sechs von Deutschen geführt.“

Die Abschottungs- und Selbstbedienungsmentalität der Eliten hat laut Hartmann dramatische Auswirkungen auf die Entwicklung der sozialen Ungleichheit in Deutschland: Das Vermögen befinde sich heute mit einem Anteil von 60 Prozent in der Hand von zehn Prozent der Bevölkerung. Während ein Haushalt in Deutschland im Durchschnitt laut Bundesbank rund 200.000 Euro zu Verfügung hat, liegt der Median bei rund 60.000 Euro. Die erstaunliche Höhe der ersten Zahl kommt durch den durchschlagenden Einbezug der Milliardenvermögen in eine einfache Durchschnittsberechnung zustande. Die zweite Zahl macht eher deutlich, wie hoch ein mittleres Vermögen in Deutschland heute sein kann.
Um die hinter beiden Zahlen verborgene Ungleichheit zu verringern wären steuerliche Maßnahmen zur Umverteilung dringend erforderlich. Hartmann nennt an erster Stelle die Erbschaftssteuer; aufgrund der unterbliebenen Reform bleibe die geschlossene Reichtumselite unangetastet und die Vermögen der wenigen hätten weiterhin unvorstellbare Zuwächse zu verzeichnen. Eine Veränderung sei jedenfalls nur durch direkte Steuern möglich, alle indirekten Steuern von der sogenannten Mehrwertsteuer bis zur Tabaksteuer gingen dagegen weit überproportional zu Lasten der unteren Einkommen. Erschreckend auch die absoluten Zahlen: Die Tabaksteuer, die – gemessenen am Einkommen – die „kleinen Leute“ überproportional belastet, erbringt dem Fiskus immer noch mehr als dreimal so hohe Einnahmen wie die gesamte Erbschaftssteuer.

Am Ende des Abends blieb die Frage, wer denn Hauptakteur der dringend erforderlichen politischen Veränderung zur Umverteilung sein könne. Wer kann den entscheidenden Anstoß für eine Wende geben? Hartmann sieht hier unter anderem die Gewerkschaften gefordert. Es gebe durchaus ein entsprechendes Potenzial. Der Veränderungswille müsse politisch artikuliert und kanalisiert werden; als hoffnungsvolles Vorbild nannte Hartman Großbritannien: Um Jeremy Corbyn wachse zurzeit eine mehrheitsfähige Widerstandsbewegung gegen den politischen und wirtschaftlichen Egoismus der machthabenden Eliten.

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