Packender Thriller von Craig Russell

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Wo kommt eigentlich das Böse her? Diese Frage dürfte sicherlich so alt sein wie die Menschheit und die Suche, darauf eine Antwort zu finden, ebenso. Erfolgsautor Craig Russell hat mit „Wo der Teufel ruht“ einen Thriller geschrieben, der sich auf eine bemerkens- und lesenswerte Weise mit dem Thema befasst. Der Verfasser nimmt die Leser mit auf eine Zeitreise in das Jahr 1935. Der junge Arzt und Psychologe Viktor Kosárek macht sich nach Prag auf. Dort will er die „Satanischen Sechs“ treffen, die schlimmsten Mörder jener Zeit in der Tschechoslowakei. Er hat eine Hypnosetherapie entwickelt, mit der der Mediziner hofft, tief in die Gedankenwelten der Täter vordringen zu können. Doch bevor er mit der Behandlung beginnt, wird er gleich bei der Ankunft auf dem Bahnhof mit ungemeiner Brutalität konfrontiert, als in seiner Gegenwart eine junge Frau brutal überfallen wird. Zudem erfährt er auch, dass ein Serienmörder abermals zugeschlagen und eine Frau umgebracht hat. Lederschürze, wie man den Unbekannten nennt, erinnert an Jack the Ripper. Die Ermittlungen leitet Lukás Smolák, die zweite Hauptfigur des Buches.

Russell entwickelt zwei Handlungsstränge: Hier der Psychologe, der seinen Forschungen nachgeht, dort der Beamte, der endlich den Täter finden will, um die Mordserie zu stoppen. Doch ganz so unabhängig voneinander, wie man meinen könnte, sind die beiden Linien nicht, denn Viktor hat schon bald eine schlimme Befürchtung, könnte doch sein Freund Filip der Mann sein, den die Kripo fieberhaft sucht.

Zugleich will er aber auch mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten vorankommen und so trifft er sich nach und nach mit den sechs Mördern, die alle unter strengen Sicherheitsvorkehrungen auf einer ganz alten Burg in der Nähe von Prag inhaftiert sind. Jede einzelne Figur, ob es sich um den Clown, den Vegetarier oder den Glassammler handelt, schildert im Gespräch, wie sie zunächst ein recht unauffälliges Leben führt und dann eines Tages zum brutalen Täter wird. Russell beschreibt sehr aufschlussreich, wie Viktor versucht, die Abgründe des Menschen zu erfassen und verstehbar zu machen, wobei – soviel darf verraten werden – er auch an seine eigenen Grenzen gerät.

Dass der Autor die Handlung in Prag Mitte der 30er Jahre spielen lässt, gibt dem Thriller noch eine besondere Prägung. Denn in der damals noch jungen tschechoslowakischen Republik werden antisemitische Strömungen immer stärker, und ebenfalls gewinnen die Nationalsozialisten an Einfluss. Unter den Kollegen von Viktor macht er schon bald zwei aus, die dem braunen Ungeist anhängen, derweil verliebt sich der Psychologe selbst in eine junge, jüdische Angestellte der Klinik.

Russell gelingt es schließlich, den Plot auf einen dramatischen Höhepunkt zulaufen zu lassen, mit dem man als Leser kaum rechnet. Ebenso überraschend sind auch die Schlussbemerkungen des Autors, in dem er erklärt, wie er auf die Idee zu dem Buch gekommen ist und welche realen Bezüge vorhanden sind. Was die Geschichte hauptsächlich antreibt, so schreibt es Russell, sind die Psychologie C.G. Jungs, die Mythen und Legenden von Zentraleuropa, die Geschichte der Tschechoslowakei unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die ethnischen Spannungen, die seinerzeit herrschten.

Craig Russell: Wo der Teufel ruht, Übersetzer: Wolfgang Thon, Aufbau-Verlag, 544 Seiten, 16,99 Euro

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