Packender Historienroman um die Macht von Worten

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Die katholische Kirche tief gespalten, ein Papst und zwei Gegenpäpste ringen um die Macht im Gottesvolk: Mit einer Versammlung aller Kirchenoberen soll die Einheit wiederhergestellt werden: Alles das liegt rund 600 Jahre zurück und genau in diese Zeit nimmt der Autor Dirk Husemann die Leser seines Buches „Die Bücherjäger“ mit. Die Jahre des Konstanzer Konzils bilden einen bizarren Hintergrund für einen historischen Roman, der voller Spannung und Abenteuer steckt. Zur gut angelegten Dramaturgie der Geschichte gehört es, dass schon gleich zu Beginn ein Diebstahl für Aufsehen sorgt. Verschwunden ist ein Buch, dessen Inhalt, so viel kann verraten werden, zur Gefahr für bestimmte herrschende Kreise der damaligen Zeit werden könnte. Dass der Foliant, in einer Klosterbibliothek aus Sicherheitsgründen an eine Kette gelegt, nun plötzlich zu einem Zeitpunkt nicht mehr vorhanden ist, als ein Vertrauter von einem der Gegenpäpste auftaucht, sorgt für weitere Brisanz.

Poggio heißt der Mann, der als Handschriften- oder auch Bücherjäger unterwegs ist, um alte oder auch vergessene Texte wieder neu im Umlauf zu bringen. Doch nicht nur der wertvolle Band ist nicht mehr an Ort und Stelle, auch der Begleiter Poggios und die einzige Nonne, die in dem Kloster lebt, sind wie vom Erdboden verschluckt. Da der Abt weiß, was das Bekanntwerden des wohl gehüteten Geheimnisses auslösen könnte, bittet er nun den Gast, das Buch wiederzufinden. Der macht sich natürlich prompt auf den Weg und ist schon gleich großen Gefahren ausgesetzt. Dabei muss er auch miterleben, dass sein Kompagnon, der Dichter und Minnesänger Oskar von Wolkenstein, nicht nur eigene Interessen im Sinn hat, sondern sich im Zweifelsfall nicht an Treueschwüre und Freundschaften hält.

Zudem zeigt sich auch schon bald, was es denn eigentlich mit der jungen Dame auf sich hat, die als Ordensfrau ein scheinbar so züchtiges Leben führt. Agnes, so ihr Name, hat eine durchaus bewegte Vergangenheit und da taucht dann auch bald die Frage auf, was sie mit dem Buch zu tun haben könnte.

Zu den Protagonisten des inzwischen vierten historischen Romans von Dirk Husemann gehört schließlich noch Baldassare Cossa. Als (Gegen-)Papst nannte er sich Johannes XXIII, wobei hier keine Irritationen aufkommen sollte, denn es gab bekanntermaßen später noch einmal einen Papst gleichen Namens, der von 1958 bis 1963 Pontifex war. Baldassare hat es – salopp gesagt – faustdick hinter den Ohren. Von ihm könnte auch der Spruch von einem der späteren Päpste stammen, der da meinte, dass man vor allem das hohe Amt doch genießen solle. Unter anderem anhand des aus Neapel stammenden Parvenü bietet der Autor Einblicke in das Gebaren und Treiben der Geistlichkeit, die an dem Konzil teilgenommen hat. Prüde geht sicherlich anders.
Poggio, dessen aufregende Biografie der Verfasser fesselnd schildert, muss indes nicht nur einmal um sein Leben fürchten und ist, was wesentlich zum Spannungsbogen des Buches gehört, auch ganz zum Schluss noch einmal äußerst brenzligen Situationen ausgesetzt.

Dirk Husemann überzeugt einmal mehr mit einer packenden Erzählkunst, die plastisch und prägnant das Leben im Mittelalter in Erinnerung ruft. Dabei geht er detailreich, aber ohne sich in Einzelheiten zu verlieren, auf Kampftechniken, Handwerkskunst und natürlich das Bibliothekswesen der damaligen Zeit ein. Leserfreundlich ist das Glossar am Ende des Buches, wo man beispielsweise findet, dass Onager früher eine bestimmte Art von Katapult war oder Hübscherlein eine Bezeichnung für Prostituierte darstellte. Hilfreich ist zudem eine Auflistung der handelnden Figuren, eine Kennzeichnung, welche wirklich existiert haben und welche nicht. Eine Kurzbeschreibung der wichtigsten Persönlichkeiten ist darüber hinaus eine Bereicherung für den gesamten Kontext.
Im Übrigen hat es auch eine besondere Note, dass das verschollene Buch offensichtlich Informationen mit fraglichem Wahrheitsgehalt aufweist. Das Mittelalter als ferner Spiegel: eine originelle Kombination.

Dirk Husemann: Die Bücherjäger, Bastei-Lübbe, 447 Seiten, Taschenbuch

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