Referentin Gabriele Winkler fordert die Gesellschaft auf, Care-Beschäftigte stärker zu berücksichtige

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Gabriele Winker zu Gast bei Richard Geisen. (Foto: Theo Körner)

Sie kümmern sich um Kinder und Senioren, um kranke und bedürftige Menschen. Sie erledigen diese Aufgaben von Berufs wegen, als ehrenamtliche Helfer oder in der Familie. Solchen Tätigkeiten der Fürsorge schenke die Gesellschaft aber viel zu wenig Beachtung, betonte die Hamburger Arbeitswissenschaftlerin Gabriele Winker beim Querdenkerabend in der Kommende. Es sei endlich an der Zeit, die Situation von „Care-Beschäftigten“, wie sie in der neueren Wissenschaft genannt werden, stärker in den Blick zu nehmen. Das Wort Beschäftigte, erläuterte die Professorin dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass damit sowohl bezahlte als auch unbezahlte Tätigkeiten gemeint sind. Die Erzieherin in der Kita gehöre ebenso dazu wie die Mutter, die das neugeborene Baby pflegt.

Zu 80 Prozent seien Care-Beschäftigte Frauen. Wenn sie einige Zeit nach der Geburt des Kindes in den Beruf zurückkehren, spreche man davon, dass die Frauen „nun wieder arbeiten gehen“ würden. Dabei sei aber doch Pflege und Erziehung des Kindes, die sie vorher und auch während ihres beruflichen Einsatzes ausüben, ebenso eine fürsorgende Tätigkeit, eine wichtige allzumal.

Solche Sichtweisen sind nach Winkers Darstellung ganz eng mit der Rollenverteilung verknüpft, die über lange Zeit in Deutschland vorherrschend gewesen sei. Der Mann habe, da er meist der einzige in der Familie war, der Geld verdiente, als Ernährer gegolten, damit sei die Bedeutung der Hausarbeit, die Frau geleistet habe, kaum Bedeutung beigemessen worden. Als dann in den 80er und 90er Jahren allmählich ein Wandel begann und die Erwerbstätigkeit von Frauen zunahm, sei das eigentliche Ziel gewesen, die Wirtschaft voranzubringen. Frauen wurden dabei nicht entlastet, sondern im Gegenteil: Sie hatten jetzt eine doppelte Last zu tragen, waren sie doch sowohl (weiterhin) für die Familie zuständig und mussten darüber hinaus ihren Beruf ausüben. Um nun aber ein weiteres Ziel zu erreichen, nämlich die Erhöhung der Geburtenrate, förderte der Staat den Ausbau von Kita-Plätzen und schuf das Modell des Elterngeldes. Nach Ansicht der Referentin haben die Verantwortlichen aber nicht wirklich die Sorge um das Kind im Sinn gehabt. Das Elterngeld führe durch die Art und Weise der Berechnung und der Ausgrenzung von Empfängern des Arbeitslosengeldes 2 in der Konsequenz zu finanziellen Ungleichheiten. Schaue man zudem auf die Zahl der Kita-Plätze zeige sich eine erhebliche Lücke, 42 Prozent der Eltern würden gern ihr Kind im Alter unter drei Jahren unterbringen, der Bedarf könne aber nur zu 35 Prozent gedeckt werden. Meist haben auch Hartz-IV-Bezieher das Nachsehen bei dem Bemühen um einen Kita-Platz, verdeutlichte Gabriele Winker. Kinder aus bildungsnahen Familien würde eher der Vorzug gegeben als dem Nachwuchs aus sozial schwachen Verhältnissen.

Erheblichen Nachbesserungsbedarf sieht die Wissenschaftlerin bei der Finanzierung und sozialen Absicherung von Pflegekräften. Hier sei es dringend geboten, entsprechende Rahmen zu schaffen, dass die Beschäftigten, wenn sie das Rentenalter erreichen oder den Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können, in der Grundsicherung landen.

Auf deutliche Kritik stößt bei Gabriele Winker, dass in der häuslichen Altenpflege sehr häufig polnisch stämmige Migrantinnen tätig sind, die weit unter Mindestlohn bezahlt werden. Die Missstände zu unterbinden, sei schwierig, weil es sich hier um die Privatsphäre von Familien handele.

Im Übrigen weitete die Referentin das Wort von Care-Beschäftigung auch in eine ungewöhnliche Richtung: Denn nach ihrer Interpretation stellt auch das Kümmern um eigene Belange und Erfordernisse, wie Weiterbildung, Planung etc. einen Teil des Tätigkeitsfeldes dar.

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