Spannende Abenteuer und eine verzwickte Geschichte aus dem Venedig des frühen Mittelalters

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Ruhm und Ansehen verschafft man sich durch heldenhafte Leistungen – nicht nur, aber auch. Das war früher keineswegs anderes als heute, wenngleich man inzwischen mit dem Begriff Held vielleicht ein wenig vorsichtiger umgeht. Damals, in Zeiten von Spätantike und frühem Mittelalter, wollten viele Herrschende mit einer Glanztat überzeugen und vor allem beim Volk Eindruck schinden. Oftmals waren es Schlachten und Kriege, die des Ruhmes und der Ehre wegen geführt wurden. Doch es gab auch andere Geschichten, wie die, die Dirk Husemann in seinem neuen Buch „Eispiraten“ erzählt. Zugegeben: Ganz unblutig geht es in dem Roman nicht zu, aber das wird man bei einer Episode aus jener Epoche auch kaum erwarten können.

Die historische Vorlage liefert eine Begebenheit aus dem Venedig des 8. Jahrhunderts. Der Doge, also das damalige Stadtoberhaupt,  will die Bürger damit beeindrucken, dass er die Gebeine des heiligen Markus, einem der vier Evangelisten, herbeischafft und ihnen einen würdigen Aufenthaltsort zukommen lässt. Soweit der Plan, der unter anderem einen nicht zu vernachlässigenden Haken hat. Die sterblichen Überreste befinden sich irgendwo im ägyptischen Alexandria, das zudem noch von den Sarazenen besetzt ist. Bleibt also nur die Möglichkeit einer waghalsigen Schifffahrt und die bange Frage, wie wohl die Herrschenden in Alexandria reagieren.

Dem Autor gelingt es, den Leser vor allem dadurch zu fesseln, dass Seefahrer Alrik und dessen Mannen, die der Doge für dieses Himmelfahrtskommando gewinnen kann, immer wieder gefährliche Abenteuer erleben. Fesselnd und packend kommt der Roman aber auch daher, weil mehrere Handlungsstränge, von denen jeder für sich schon ungemein spannend ist,  miteinander verwoben werden. Unter anderem heckt die Tochter des mächtigen Venezianers einen sehr eigensinnigen und für junge Frauen seinerzeit eigentlich undenkbaren Plan aus, den sie auch in die Tat umzusetzen weiß, was wiederum beim Vater eine Mischung aus Sorge und Verärgerung hervorruft.

Wenn man gehofft hat, mit dem Erreichen von Alexandria sei das Ziel erreicht und das Abholen der Gebeine nur noch reine Formsache, dann zeigt der Roman, dass die wahren Probleme erst jetzt anfangen. Zahlreiche weitere Verwicklungen – unter anderem geht es dabei auch um die Existenz der vermeintlichen sterblichen Überreste – sorgen für unvorhergesehene Momente, mit denen Dirk Husemann den weiteren Gang der Dinge zu bereichern weiß. Beeindruckend ist immer wieder sein sprachliches Geschick verbunden mit einer der damaligen Zeit entsprechenden Wortwahl. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Lesefreude gereicht das keineswegs zum Nachteil, vielmehr gelingt es mit diesen Begrifflichkeiten, sich in die damalige Lebenswelt viel besser hineinzuversetzen. Zu dieser gehörte auch der Glaubenskampf zwischen dem noch jungen Islam und dem Christentum, das im römischen Reich einst zur Staatsreligion ausgerufen worden war. Entsprechende Auseinandersetzungen gehörten in einer Stadt wie Alexandria zum Alltag, wie es der Autor keineswegs aufbauschend, sondern vielmehr sehr realistisch darstellt.

Wie auch schon in beiden vorangegangenen Romanen „Ein Elefant für Karl den Großen“ und „Seidendiebe“ gelingt es Dirk Husemann eindrucksvoll, den Lesern ein sehr plastisches Bild von einer längst vergangenen, vielleicht auch vergessenen Welt zu liefern. Dazu tragen die Liebe zum historischen Detail ebenso bei wie eine prägnante Beschreibung von Charakteren.

Warum aber, fragt man sich beim Blick auf das Buchcover, heißt das Buch eigentlich „Eispiraten“, wenn doch Gebeine eine Schlüsselrolle spielen? Dirk Husemann, studierter Archäologe, hat im übertragenen Sinn ein Naturereignis ausfindig gemacht, mit dem man einst in der Tat Eis gewonnen und transportiert hat. Doch dieses Phänomen soll nicht das einzige verblüffende Element bleiben. Unvorhergesehene Wendungen im Lauf der Ereignisse bringen mehrfach überraschende Momente mit sich. Das gilt bis zum Schlussakkord, mit dem es dem Dogen gelingt, sich dann doch noch ins rechte Licht zu rücken.
Dirk Husemann: Die Eispiraten, Bastei Lübbe Taschenbuch, 480 Seiten.ISBN 3-404-17541-7, 11 Euro

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