Variationen der Arbeitswelt

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Die Arbeit ist monoton, um nicht zu sagen stupide. Der Mann, der tagein, tagaus Metallstücke stempeln muss, um seine Brötchen zu verdienen, hat aber ganz offensichtlich sein Glück gefunden. Doch ein Happy-End bleibt bei dieser Geschichte von Artur Nickel aus, gerät doch der Beschäftigte selbst in den Strudel des Arbeitsplatzabbaus. Dass er nicht nur seinen Job, sondern auch seine Identität, sein Ich, verliert, gelingt dem Autor eindrucksvoll zu beschreiben, indem er den Leser an dem Wechselbad der Gefühle und zum Teil verstörender Gedanken des Betroffenen teilhaben lässt. Die Episode findet sich in dem Buch „Schichtwechsel“ wider, das die beiden Schriftsteller Heinrich Peuckmann und Gerd Puls herausgegeben haben. Der Band enthält elf „Erzählungen über Arbeit“, wie man es dem Untertitel entnehmen kann.

Dass man im Job schon mal an eigensinnige Menschen gerät, ist eine Erfahrung, die Jan Decker zu einer feinen Geschichte ausweitet und dabei menschliche Stärken und Schwächen zu Tage treten lässt. Apropos Schwäche: Josef Haslinger schreibt über amouröse Abenteuer, die die Tristesse der Arbeit doch ein wenig aufhübschen können, Titel: „Die Mittwochsgeliebte“. Ein verquere, aber dennoch amüsante Geschichte zu Lust und Leidenschaft, Protest und Polizei hat Matthias Biskupek zu Papier gebracht – mit klaren Worten, gern darf’s auch derb sein.

Wie sich die Arbeit und mit ihr auch die Gesellschaft gewandelt hat, darüber kann man Bücher schreiben. Alfred Behrens stellt – zum Teil in Vers ähnlicher Form die Erlebnisse seiner Kindheit und aktuelle Ergebnisse nebeneinander und kommt zu überraschenden Ideen. Braucht man nicht – angesichts von Digitalisierung und kpünstlicher Intelligenz einen neuen Gesellschaftsvertrag, so wie ihn einst Franklin D. Roosevelt mit dem New Deal für seine Zeit manifestierte? Welche Folgen die fortschreitende technische Entwicklung für den Menschen bereits hat und welche noch zu erwarten sind, stellt ein weites Feld dar, beim sich Christine Nagel auf die menschliche Stimme fokussiert und nachzeichnet, wie Sprache und Sprechen auch ohne homo sapiens sapiens auskommen.

Eine sehr menschliche Sicht auf die Berufstätigen prägt die Geschichte, die Heinrich Peuckmann beiträgt, befasst er sich doch mit den Sorgen einer alleinerziehenden Mutter, deren Sohn – im besten Pubertätsalter – über Stunden nicht per Handy erreichbar ist. Die Frau versucht es immer wieder, riskiert sogar, Stress mit Vorgesetzten zu bekommen, denn für den Arbeitgeber tätig sein und gleichzeitig privat telefonieren: Das passt nicht wirklich zusammen. Einem Widerspruch ganz anderer Art wendet sich Gerd Puls zu, der ein brisantes Thema aufgreift und ihm eine besondere Wendung gibt. Ob teure oder preiswerte Mode, die Artikel werden überwiegend von Menschen produziert, die zu einem Hungerlohn und dann noch unter katastrophalen Bedingungen schuften müssen. Wie aber verhalten sich diejenigen, die dort in Fernost und hier in Deutschland, für Arbeitnehmerrechte einstehen sollten, nämlich die Betriebsräte von Firmen? Das Ergebnis ist für heimische Arbeitnehmervertreter wahrlich kein Ruhmesblatt.

Der eingangs erwähnte Mitarbeiter hat seinen Job verloren, weil der Arbeitsplatz als überflüssig angesehen wurde. Karl-Otto Mühl beschreibt in seinem Beitrag die Ängste von Beschäftigten, deren Firma von Dritten übernommen wird. Solche Befürchtungen dürften Menschen in ähnlicher Lage sehr bekannt vorkommen. Von heute aus betrachtet eher ferne Welten beschreibt Hermann Schulz, der an die Zeiten des Bergbaus erinnert und Regula Venske stellt ein ungewöhnliches Duo vor, ein Professor und ein Handwerker, die sich aber mehr zu sagen haben als man zunächst vermuten könnte.

Heinrich Peuckmann, Gerd Puls (Hg): Schichtwechsel – Poetische Schlagwetter – Erzählungen über Arbeit, assoverlag Oberhausen, 182 Seiten, 9,90 Euro

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