Autorenduo erinnert an vorbildliches Bürgerengagement

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Das Autorenduo Ilka Heiner und Rainer Zunder (r.) bei der Buchpräsentation im Interview mit Tobias Bäcker, Stiftungsvorstand der Bürgerstiftung Rohrmeisterei. (Foto: Körner)

Es ist ein Buch, das in Zeiten von Pegida und AfD ein Zeichen setzen will für friedliches und demokratisches Bürgerengagement. In diesem Fall handelt es sich um den Erhalt wertvoller und liebgewonnener Natur und ein ebenso bedeutsames Industriedenkmal. In ihrem Buch „Schwerter Lehrstücke“ erinnern Ilka Heiner und Rainer Zunder an die Pläne für und den Protest gegen ein Mammutprojekt mitten in der schmucken Schwerter Innenstadt. 20 Jahre sind inzwischen seit dem Projekt „Die neue Südstadt“ vergangen. Bei der Vorstellung des 170 Seiten starken Bandes in der Rohrmeisterei beschrieb Ilka Heiner, damals Leiterin der Lokalredaktion der Westfälischen Rundschau, wie sich schon während der Präsentation im Rathaus Unmut breitmachte, der auch gleich in eine Initiative mündete.

Innerhalb weniger Tage fanden sich weit über 1000 Unterstützer, Unterschriftenlisten kursierten und aus der Welle der Empörung entstand ein breit aufgestelltes Bündnis, das sich mit der Politik anlegte. „Sozusagen aus dem Stand heraus formierte sich Widerstand“, meinte Rainer Zunder, einst Politikredakteur der WR. Nun zeichnet das Autorenduo aber die Ereignisse von einst nicht einfach nach, was als solches auch schon äußerst spannend ist, es ordnet auch die Geschehnisse in einen Gesamtzusammenhang ein. So sind doch manche Fragen zu klären, beispielsweise, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass von einen Moment auf den anderen die Gegner sich zusammenschlossen. Nun ist Schwerte sicherlich nicht das kleine gallische Dorf, das man aus Asterix und Obelix kennt, aber es ist eine Stadt, in der nachbarschaftlicher Einsatz schon seit jeher große Bedeutung zugemessen wird, wofür in besonderer Weise das Schwerter Schichtwesen zu nennen ist. Dass Protest zum Erfolg führen kann, hatten die Schwerter Bürger überdies schon zwei Mal vorher erlebt: bei den Aktionen gegen die Südumgehung und beim Kampf für den Fortbestand des Elsebades, dem ersten Bürgerbegehren in Nordrhein-Westfalen. Da ist es für Ilka Heiner auch mit 20-jähriger Distanz nicht verständlich, wie die maßgeblichen Politiker glauben konnten, sie könnten ein solches Vorhaben mehr und minder durch die Hintertür durchsetzen. Dass ohnehin juristische Hürden, wie beispielsweise wasserrechtliche Bestimmungen, das Projekt gefährdet hätten, ruft ebenfalls Kopfschütteln hervor.

Aus heutiger Perspektive mutet es schon fast wie ein Husarenstück an, dass die beiden damaligen politischen Schwergewichte, der eine CDU-, der andere SPD-Fraktionschef, siegesgewiss glaubten, im Verbund mit dem Chef einer Immobilienfirma ihr Ansinnen durchsetzen zu können. Durch die intensive Recherche von Ilka Heiner und Rainer Zunder, die unter anderem auch Gespräche mit dem heutigen Bürgermeister Heinrich Böckelühr beinhaltete, wird überaus deutlich, wie sehr in der damaligen Zeit eine „Politik im Hinterzimmer“ betrieben wurde, Mauscheleien an der Tagesordnung waren und letztlich keiner an den beiden Altvorderen vorbeikamen, die mitunter oder auch gern nach Gutdünken entschieden. Vielleicht, so wurde bei der Präsentation gemutmaßt, habe der Bau des City-Centrums und der damit verbundene Abriss von zahlreichen Fachwerkhäusern einige Zeit zuvor die Blaupause für die Südstadt geliefert.

Zu den Nachwirkungen zählt nach Einschätzung des Autorenduos, dass die SPD bei der nächsten Wahl an Macht verlor und fortan auch nicht mehr den Bürgermeister stellen sollte. Während das Bauprojekt Südstadt inzwischen längst zu einer unrühmlichen Episode der Stadtgeschichte verkommen ist, hat sich das Industriedenkmal Rohrmeisterei als ein über die Grenzen der Ruhrstadt hinaus bekanntes Veranstaltungszentrum und als ein bedeutendes Restaurant etabliert. Und auch das Projekt Rohrmeisterei wäre ohne den Einsatz von Bürgern nie zustande gekommen.

Ilka Heiner, Rainer Zunder: Schwerter Lehrstücke – mit Fotografien von Manuela Schwerte
 Pomaska-Brand Verlag 2016 170 Seiten, 18,95 Euro
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