Hans Tilkowski: „Fußballspieler sind Vorbilder“

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(v.l.): Hans Tilkowski, Hans-Martin Böcker, Superintendent des Kirchenkreises Unna, der einführende Worte sprach, und Heinrich Peuckmann auf dem Gelände der ehem. Lindenbrauerei in Unna.
Waren das noch Zeiten, als Nationalspieler nicht mit dem eigenen Auto zum Stadion anreisen durften, weil es der Bundestrainer es ihnen mit der Begründung verboten hatte, es solle in der Mannschaft kein Neid aufkommen. Der Teamchef, der einst eine solche Order ausgegeben hatte, hieß Sepp Herberger, ein Mann von höchster Autorität und eine Person, vor der man Respekt hatte, wie Hans Tilkowski in der Talkrunde mit Heinrich Peuckmann erzählte. Auf dem Platz des Public Viewing in Unna anlässlich der EM sprach der Buchautor und inzwischen pensionierte Gymnasiallehrer mit dem Mann, der wohl kaum noch zählen kann, wie oft er den Satz gesagt hat: „Der Ball war nicht drin“. Tilkowski war bekanntermaßen der Keeper, der 1966 bei dem legendären WM-Endspiel England gegen Deutschland im Tor stand, als, ja als die Engländer ein Tor zugesprochen bekamen, das ihnen, wie der frühere Spieler für den BVB auch an diesem Abend wiederholte, eigentlich nicht zustand. Doch nach inzwischen fünf Jahrzehnten, am 30. Juli 2016 sind 50 Jahre seit der Endspielbegegnung im Londoner Wembleystadion vergangen, ist es nicht mehr ein solches Aufregerthema wie es lange Zeit war. Die deutsche Elf habe aber stets und auch schon während des Spiels Haltung bewiesen, hob Tilkowski hervor. Sie habe die Entscheidung des Schiedsrichters mit der gebotenen Gelassenheit akzeptiert.

Die Dinge hinnehmen wie sie sind und den Widerspruch auf Sparflamme halten, war eine Haltung, die der heute 83-Jährige auch selbst an den Tag legte und das in einer für ihn sportlich sehr belastenden Situation. WM 1962 in Chile: Der Chefcoach der deutschen Elf unterbreitet Tilkowski in einem Vier-Augen-Gespräch, dass er nicht im Tor stehen wird. Gern, so bekannte der gebürtige Dortmunder, wäre er da sofort wieder nach Hause geflogen, doch das war damals undenkbar. 28 Stunden habe damals die Hin- und 42 Stunden die Rückreise gedauert. Es folgte eine „Sendepause“ von zwei Jahren, doch dann hat Herberger selbst Tilkowski wieder zurückgeholt und man sich später gut verstanden. Heinrich Peuckmann erinnerte daran, dass noch drei Jahre folgten, bis sein Interviewpartner 1967 sein 39. und damit letztes Länderspiel gegen Albanien bestritt.

Nun war aber Tilkowski nicht nach Unna gekommen, um nur seine eigene Fußballgeschichte Revue passieren zu lassen, die von zahlreichen Erfolgen geprägt ist (siehe Box unten). Er war auch angetreten, um an einige Spielregeln zu erinnern, die vor allem außerhalb des Platzes gelten sollten. Ganz schnörkellos formulierte er beispielsweise: „Spieler sind Vorbilder“, ein prägnanter Satz, der keiner großen Erläuterung bedurfte. Ebenso deutlich waren auch seine Aussagen über den Mannschaftsgeist. Den braucht ein Team nicht nur während der Begegnung, sondern auch noch danach. Tilkowski gab zu bedenken, dass auch die Ersatzspieler, die 90 Minuten auf der Bank sitzen, ebenfalls zur Mannschaft gehören. Sie hätten schließlich auch jederzeit zum Einsatz kommen können.

In der Wahrnehmung fußballerischer Leistungen waren sich Peuckmann und Tilkowski durchaus darin einig, dass der Fokus sehr auf Bayern München gerichtet werde. Weniger Augenmerk schenken die Medien dem Ruhrgebiet, meinte der frühere Torwart. Daher seien sie in der Verantwortung und nicht die Personen, sprich Spieler, Trainer oder die Vereine.

Auf Nachfrage ging Tilkowski auf sein soziales Engagement ein, unter anderem ist er als Botschafter des Oberhausener Friedensdorfes unterwegs, kümmert sich um Gruppen von Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind und hat Benefizaktionen für die Deutsche Leukämie-Forschungshilfe und den Dortmunder Elterntreff leukämie- und tumorerkrankter Kinder veranstaltet.

1990 war er übrigens in Aserbeidschan, dem Land, aus dem der Schiedsrichter des Endspiels – damals in England … – stammte. Der Referee genießt in seiner Heimat höchstes Ansehen. Tilkowskis sprachlicher Geschicklichkeit ist es zu verdanken, dass er seinen Satz vom Ball, der nie und nimmer im Tor war, aussprechen konnte ohne, dass er den Ruf von Tofiq Bəhramov, so hieß der Schiedsrichter, Schaden nahm.

Hans Tilkowski:
1965:   Deutscher Pokalsieger mit Borussia Dortmund, Fußballer des Jahres
1966:   Europapokal der Pokalsieger mit Borussia Dortmun,  Vizemeister mit dem BVB,              Vizeweltmeister
1974:   als Trainer Vizemeister in der Regionalliga Süd und Teilnahme an der
Aufstiegsrunde zur Bundesliga mit dem 1. FC Nürnberg
1976:   als Trainer Vizemeister in der 2. Fußball-Bundesliga mit dem 1. FC Nürnberg
2008:  die Ganztagshauptschule an der Neustraße in Herne wird nach Hans Tilkowski
benannt, die 2012 den Schulsportpreis des Deutschen Olympischen Sportbundes
erhält.

Infos zu Heinrich Peuckmann unter http://www.heinrich-peuckmann.de/

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