In der Ökologie sind die meisten Menschen „nur Teilzeitheilige“

Wenn Reinhard Loske, einst Umweltsenator in Bremen und heute Professor an der Uni Witten/Herdecke, eine Öko-Bilanz zieht, fällt diese „erschreckend schlecht“ aus, wie er beim Kommende-Gespräch betonte. In der Landwirtschaft, im Verkehrswesen und beim Klimaschutz war nach seinen Worten die Trendwende das Ziel, doch derzeit gelinge es lediglich, durch den Einsatz von erneuerbaren Energien den Klimawandel zu beeinflussen. Die Verkehrswende habe man vor die Wand gefahren und in der Landwirtschaft betreiben gerade mal fünf bis sechs Prozent der Höfe biologischen Landbau. „Wir sind Teilzeitheilige“, meinte er.

Da für Loske Ökologie und Nachhaltigkeit unbedingt zusammengehören, entdeckt der Inhaber des Lehrstuhls für Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik aber durchaus Widersprüchlichkeiten, die sich beispielsweise im Bereich Green-IT entwickeln. Eine große Zahl von technischen Geräten, im Privathaushalt wie in der Wirtschaft, ist inzwischen energiesparend konzipiert. Angesichts des bisherigen oder auch landläufigen Verständnisses von wirtschaftlichem Wachstum steht am Ende des Tages aber nicht unbedingt auch eine Energieeffizienz. Denn dem Verbraucher wird die Botschaft vermittelt, möglichst viele der neuen Geräte anzuschaffen, was das Gesamtergebnis in Sachen Energieverbrauch erheblich eintrübt. Genauso deutlich verhalte es sich bei den Autos. Diese seien zwar inzwischen deutlich spritsparender, doch dafür stieg, so Loske, im Gegenzug die Zahl der Fahrzeuge massiv.

Solchen Entwicklungen liegt nach den Ausführungen des Referenten die Frage zugrunde, ob Wachstum und Ökologie überhaupt zusammen passen oder sich doch gegenseitig ausschließen. Der Wissenschaftler sagte als Gast der Reihe „Profilierte Querdenker im Interview“ auf Fragen von Kommende-Dozent DDr. Richard Geisen, dass in einer Postwachstumsgesellschaft eine Ökonomie ihren Platz habe müsse, die man „entfrachte, entschlacke und entschleunige“. Es gehe nicht mehr nur darum, immer noch mehr zu kaufen, sondern die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und entsprechende Veränderungen herbeizuführen.

Der Kapitalismus ist für den Wissenschaftler ohnehin nicht zukunftsfähig, zumindest nicht in der Form, „wie wir ihn kennen“. Wenn er denn überhaupt überlebe und nicht abgeschafft wird, dann nur auf dem Weg der Transformation. Man wird ihn in seine Schranken weisen müssen, führte Loske aus, und zugleich bestrebt sein, die Ökonomie wieder viel stärker in die Gesellschaft einzubetten. Das bedeute ganz konkret, verschiedene Systeme oder Teile des gesamten Wirtschaftslebens unabhängig vom Wachstumsprinzip aufzustellen. Die damit verbundene Systematik, die beispielsweise auch bedeute, dass Konzerne immer mehr Produkte herstellen, um den Wohlstand fördern zu wollen, bringe ohnehin einen hohen Ressourcenverbrauch mit sich.

Wenn Wachstum aber nun so deutliche Nachteile hat, dann müsse man doch die Frage erörtern, woher denn das entsprechende Denken der Menschen überhaupt komme. Loske, hält drei Erklärungsmuster für möglich. Wachstumsdenken gehört zum anthropologischen Grundverständnis des Menschen, ist ein kulturelles Phänomen oder ergibt sich aus einem systematischen Zwang. Mittlerweile sei er der Überzeugung, dass Wachstum dem Menschen Anerkennung verleihe und die wiederum sei für ein jedes Leben wesentlich.

Um die Prinzipien von Nachhaltigkeit und Ökologie in naher und ferner Zukunft noch stärker zu forcieren, sind nach Ansicht des Referenten u.a. folgende Punkte zu bedenken:

  • Die Schwerpunkte der öffentlichen Ausgaben sollten in den erforderlichen Bereichen wie Forschung und Infrastruktur liegen und gleichzeitig überkommene Subventionen abgebaut werden.
  • Bei der Einnahmenseite solle der Staat sehr genau prüfen, ob es Sinn macht, Arbeit in dem hohen Maß wie bislang zu besteuern, es bei Kapitaleinkünften und Erbschaften dagegen bei geringen Sätzen zu belassen.
  • Die Wirtschaft wird immer stärker im Dienst für die Gesellschaft stehen und der einzelne Mensch nicht mehr nur als „homo oeconomicus“ betrachtet werden, sondern auch in seiner Funktion als soziales Wesen, das die ökologischen Veränderungen maßgeblich mitträgt.
  • Für eine Verkehrswende ist es längst nicht zu spät. Beispielsweise könnten jetzige Projekte von Städten, die den öffentlichen Nahverkehr fördern, zum Vorbild für andere Kommunen werden. Und auch in der Landwirtschaft gibt es deutliche Signale: Die meisten Menschen wollen nun mal keine Agrarfabriken.

    Der Artikel ist auch auf der Seite des Sozialinstituts Kommende zu finden.

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