Kirche mischt sich in brisante Fragen der Zeit ein

Im Bistum Köln läuten Tausende von Totenglocken im Gedenken an die 23000 Flüchtlinge, die im Mittelmeer ums Leben gekommen sind. Papst Franziskus prangert in seinem neuen Lehrschreiben nicht nur die durch Menschenhand hervorgerufene Umweltzerstörung an, er weist auch auf die inneren Zusammenhänge von Klimawandel, Armut und Ungerechtigkeitsstrukturen hin. Im Übrigen: Der Titel der neuen Enzyklika stammt von dem Mann, dessen Namen er sich als Pontifex gewählt hat. Es war der heilige Franziskus von Assisi, der einst seinen Lobpreis auf die Natur mit „Laudato Si“ überschrieb – so wie der Papst jetzt seine wegweisenden Worte.

Sowohl die Aktion von Köln, die die Handschrift von Rainer Maria Kardinal Wölki trägt, als auch das neue Papier aus Rom sind Formen der Einmischung, mit denen die Kirche durchaus Widerspruch ernten kann. Gewiss wird wohl niemand ernsthaft die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer negieren wollen, vielleicht aber möchte er sie klein reden und – was nicht weniger problematisch ist – niemanden in der Verantwortung sehen, obwohl die Staatengemeinschaft sehenden Auges den Tod dieser Menschen zulässt. Indem Wölki in seiner Argumentation unter anderem darauf verweist, dass die Menschheitsgeschichte von Migration geprägt ist und viele Europäer aufgrund des im 19. Jahrhundert herrschenden Elends in damals „neue Welt“ auswanderten, pflegt der Kardinal eine Erinnerungskultur, bei die Vergangenheit des gern zitierten „christlichen Abendlandes“ in den Blickpunkt gerückt wird.

Papst Franziskus hat wiederum schon vor dem eigentlichen Erscheinen des Lehrschreibens Gegenwind zu spüren kommen. Aufgrund einer „undichten Stelle“ war das Papier bereits wenige Tage vor der Veröffentlichung aufgetaucht – da nur in italienischer Sprache. Konservative in der Kirche, aber auch Wirtschaftsvertreter üben heftig Kritik an den Gedanken von Franziskus, weil er auch die Rolle von Firmen und Unternehmen einbezieht und nach ihrer Zuständigkeit fragt. Gleichwohl hat der Oberhirte auch sehr viel Lob für seine deutlichen Worte erhalten, die katholischer Amtskirche bislang noch nicht zu vernehmen waren.

Mit Laudato Si und dem Glockengeläut hat führende Kirchenvertreter Zeichen eines soziales Gewissen gesetzt. Die Kirche sollte generell  allerdings den moralischen Zeigefinger vermeiden, sondern schlichtweg deutlich machen, dass sie es aus dem eigenen Grundverständnis heraus bei drängenden Fragen der Zeit als verpflichtend ansieht, sich einzumischen.

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