Im Zoo leben Schweine artgerechter als im Stall: Agrarpolitik steckt voller Widersprüche

Wenn Schweine in einem Zoo leben, gelten für ihre artgerechte Haltung strenge Regeln. Ganz anders sieht es in der konventionellen Landwirtschaft aus. Der Bauer habe hier keineswegs entsprechende Auflagen. Ganz im Gegenteil. Damit die Tiere in den Ställen überleben, sei meist erheblicher Medikamenteneinsatz erforderlich. Diese Diskrepanz zeigte die Journalistin und Philosophin Tanja Busse auf, als sie in der Dortmunder Kommende, Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn, zu Gast war. Es sollte aber nicht die einzige Ungereimtheit bleiben, auf die die Moderatorin (u.a. für den WDR) in der Reihe „Profilierte Querdenker im Gespräch“ zu sprechen kam. Ein weiteres Beispiel: Die Existenz großer und immer größerer Höfe werde mit dem Argument unterfüttert, dadurch effizienter wirtschaften zu können. Doch dahinter setzte die gebürtige Ostwestfälin große Fragezeichen und berief sich auf die Statistiken, die die landwirtschaftlichen Fachverbänden selbst herausgegeben haben. Die Lebensdauer der Kühe, eine wichtiges Parameter in Fragen der Effizienz, sei bei Höfen mit 500 Wiederkäuern deutlich geringer als in kleineren Betrieben. In der Schweinezucht und -haltung habe es eine ähnliche fragwürdige Entwicklung gegeben. Da habe man die Zahl der neugeborenen Ferkel immer weiter erhöhen wollen, ohne zu beachten, dass die Muttersau nur eine begrenzte Anzahl an Zitzen habe, um den Nachwuchs zu versorgen.
Wenn schon rein ökonomische Gründe erhebliche Zweifel an der konventionellen Landwirtschaft aufkommen lassen, dann bestehen für die Referentin solche Bedenken erst recht aus ökologischer und auch aus ethischer Perspektive. Sie verdeutlichte, dass die Intensivtierhaltung gravierende Umweltschäden verursachen kann, deren Folgen Mensch, Tier und Pflanzen zu tragen haben. Damit das Vieh auf solchen Höfen überhaupt bestehen und dadurch Gewinn erzielt werden kann, bedürfe es großer Mengen an Antibiotika, deren Überreste bereits in Trink- und Grundwasser gefunden wurden, führte sie im Interview mit Kommende Dozent DDr. Richard Geisen aus. Zugleich verbreiten sich, wie sie betonte, multiresistente Keime in größerem Ausmaß und schließlich werde der Wasserkreislauf durch erhöhte Nitratgehalte belastet. Die ethische Dimension umfasst nach Aussagen von Tanja Busse vom Grundsatz her das Verhältnis von Mensch und Tier oder auch den Wert des Tieres an sich. Aus christlicher Perspektive sei da sicherlich der Kontext der Bibel mit der Schöpfungsgeschichte zu nennen. Daraus leite sich dann ganz konkret die Frage ab, welche Mindeststandards in der Haltung beachtet werden sollen.
Die seit Jahren betriebene Agrarpolitik habe dazu geführt, dass die kleineren Höfe sterben und den großen Höfen das Feld überlassen müssen, erläuterte Tanja Busse. Inzwischen habe sich aber eine mit der „Solidarischen Landwirtschaft“ eine Gegenbewegung formiert, die eine Rückkehr zu einer naturnahen und artgerechten Tierhaltung nicht nur anstrebe, sondern auch konkret umsetze. Bundesweit haben sich bereits 100 Höfe der Initiative angeschlossen. Kühe auf Grünland zu halten, Schweine in kleineren Gruppen, so wie es der Art entspreche, nannte sie als zwei Beispiele für die Kriterien der noch recht jungen Bewegung „Das ist eine Riesenchance für die Landwirte“.
Da die Referentin sich aber nicht nur mit den Produzenten befasste, sondern auch die Konsumenten in den Blick nahm, wandte sie sich an die Verbraucher mit einer Art Empfehlung: Sie sollten selbst das Maß finden, wie hoch ihr Fleischverbrauch ist. Dabei gab die bekennende Vegetarierin aber zwei Leitgedanken mit auf den Weg: Fleisch ist und bleibt eine wertvolle wie auch zugleich teure Ressource. Und: Zu viel Fleisch zu verköstigen, schadet nach medizinischen Erkenntnissen der Gesundheit.
In der anschließenden offenen Diskussionsrunde gab aus den Reihen der Besucher vier wichtige Hinweise zur
– Wenn die Landwirtschaft Böden und Wasser verseucht, dann zahlen nicht die Bauern die Zeche, sondern die Steuerzahler kommen für die erforderlichen Umweltmaßnahmen auf.
– Die Gülle werde zu Unrecht nur als Abfallprodukt angesehen, sie könne aber durchaus auch einen wertvollen Beitrag für die Bodenqualität leisten.
– Die größten Verlierer der Massentierhaltung sind die Tiere selbst: Das bleibe in den öffentlichen Debatten viel zu oft unbeachtet.
– Wenn sich schon an einem solchen Abend Dutzende von Kritikern der konventionellen Landwirtschaft zusammenfinden, sollte dann daraus nicht eine neue Initiative entstehen?
Ob es dazu kommt, blieb offen. Richard Geisen überlegt allerdings, im nächsten Jahr eine weitere Veranstaltung zu dem Thema anzubieten. Bis dahin dürfte das Buch von Tanja Busse erschienen sein, an dem sie derzeit arbeitet und in dem sie sich nach umfangreicher Lektüre und Recherche mit der Agrarsituation auseinandersetzt. Aus der Nähe von Höxter stammend hat sie miterlebt, wie nach und nach Bauernhof um Bauernhof aufgab.
http://www.tanjabusse.de/

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