Der Umgang mit trauernden Menschen

„Dranbleiben“: Diesen eindeutigen Appell richtete Chris Paul an die zahlreichen Gäste im Dortmunder Wichernhaus. Die Trauerbegleiterin las dazu unter anderem aus ihrem neuen Buch „Keine Angst vor fremden Tränen“. Das Forum Lebensraum (http://www.lebensraumhospiz.de/) veranstaltete den Abend, und der Einladung in das frühere Gotteshaus im Norden Dortmunds waren zahlreiche Gäste gefolgt. „Dranbleiben“: Damit meint die Autorin, sich dauerhaft um Menschen zu kümmern, die einen für sie wichtigen Menschen durch Tod verloren haben. Dabei kann es sich um den Lebenspartner handeln, der verstorben ist, ein Kind, das man verloren hat, Mutter, Vater oder auch einen sehr guten Freund. In den Auszügen aus ihrem Buch wurde sehr deutlich, dass es keine allgemeingültigen Regeln für den Umgang mit Trauernden gibt, die sich gleichermaßen auf jede Situation anwenden lassen. Chris Paul zeigte aber durchaus auf, dass Nähe, Einfühlungsvermögen, Hinhören und sich Zeit nehmen wichtige Faktoren darstellen. Oftmals kommt man selbst, wie sie in ihrem Buch beschreibt, aber auch in Situationen, in denen vielleicht gar keine intensive Beziehung zu dem Trauernden besteht. Beispiel: Die Tochter eines Arbeitskollegen ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen und der Mitarbeiter kehrt nun nach einiger Zeit wieder ins Büro zurück. Was um alles in der Welt sagt man nun? Es könnte sich ein „Schön, dass Du wieder da bist“ anbieten, meinte die Autorin. Häufig seien aber gar nicht mal die Worte entscheidend, oftmals seien Blicke und Gesten ebenso wichtig oder sogar noch bedeutsamer.
Anhand der Beispiele, die aus ihrer 16-jährigen Tätigkeit als Trauerbegleiterin kennt, erläuterte sie, dass die jeweiligen Begegnungen von den individuellen Gegebenheiten geprägt sind. Daher sei es auch immer wieder wichtig, genau hinzuschauen und der trauernden Person zu zeigen, man steht an ihrer Seite und interessiert sich für seine Lebenssituation. Am Beispiel des Liedes „Bridge over troubled water“ von Simon & Garfunkel, das die Autorin selbst sehr gut und mit geschulter Stimme vortrug, machte sie aber auch die Grenzen einer Trauerbegleitung deutlich. Man könne eben nicht eine Brücke über einen reißenden Strom, der da Trauer heißt, sein, sondern maximal ein einzelner Stein, ein Teil des Geländers oder vielleicht die Laterne auf der Brücke. Der Betroffene muss selbst seinen Weg finden, betonte Chris Paul. Sie meint damit aber eben nicht, ihn allein zu lassen, sondern schon bei ihm zu sein. Doch die Form der Trauer, den Umgang damit, ist eine Anforderung an jeden Einzelnen. Es gibt aber durchaus auch eine Liste mit der Überschrift „No go“. Einem Trauernden zu sagen „Kopf hoch“, „Bald bist Du wieder der alte“ oder „Das wird schon“ ist im besten Fall noch gut gemeint, aber auf jeden Fall schlecht gemacht. Der Betroffene fühlt sich zurückgewiesen und wirklich allein gelassen.
Der Vortrag, der über die Auszüge aus dem Buch hinausging, offenbarte auch überraschende Momente. So schwer das Schicksal oder das Los für die Trauernden ist, man sollte als Freund, Bekannter oder Verwandter versuchen, dem Betroffenen aufzuzeigen, dass er in seiner ganzen Persönlichkeit weitaus mehr ist, als „nur“ ein trauernder Mensch. Er hat eine Lebensgeschichte, einen beruflichen und auch familiären Werdegang, engagiert sich u.U. in verschiedenen Bereichen. Vielfach geraten in Grenzsituationen diese so wichtige Facetten oder auch Bestandteile des Lebens außer Acht.

Chris Paul: Keine Angst vor fremden Tränen – Trauernden Freunden und Angehörigen begegnen, Gütersloher Verlagshaus, 176 Seiten

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