Eine Niederlage mit Ansage: Befreiungstheologe Boff analysiert Brasiliens Fußball und die Verhältnisse im Land

Religion und Fußball, Fußball und Religion!? Es ist natürlich eine Binsenweisheit, dass das runde Leder für manche Menschen quasi religiösen Charakter besitzt. Mitunter reicht auch ein einzelner Club aus, an den der Fan glaubt und auf den er alle seine Hoffnungen setzt. Sucht er nach Devotionalien, muss er keineswegs auf diese verzichten, die Werbewirtschaft lässt ihn da nicht im Stich. Warum der Fußball eine derartige Faszination ausübt, hat zweifellos viel mit Massenpsychologie, Emotionen und Sinnsuche in einer säkularen Welt zu tun. In Ländern wie Brasilien kommt gewiss noch die wirtschaftliche Lage auch und gerade der Menschen hinzu, für die die Spiele ein willkommener Anlass sind, den Alltagssorgen zu entfliehen, sich begeistern zu lassen, träumen zu dürfen. Wenn aber dann eine solche Niederlage wie die gegen Deutschland verkraftet werden muss, liegt eine ganze Nation am Boden, folglich auch die wohlhabendere Bevölkerung. Mit diesem Phänomen hat sich am Freitag, 11. Juli, in der Süddeutschen Zeitung ein Mann auseinandergesetzt, dem man durchaus einen besonderen Blick auf die Dinge zugestehen kann: Leonardo Boff, Befreiungstheologe, 75 Jahre alt und einer, der aus seiner eigenen Geschichte mit der Amtskirche weiß, wie wechselvoll Begegnungen sein können.
Nun kann man gewiss der Meinung sein, zu dem Spiel dürfte mittlerweile alles gesagt sein, letztlich spricht schon das Ergebnis Bände. Doch Boff, bekennender Fan der Selecao, schreibt, auch wenn die SZ-Rubrik Außenansicht heißt, als Insider, der das Land und das Volk bestens kennt. Dabei geißelt er gar nicht mal die „quasireligiöse Überhöhung“, wie er die Stimmung vor dem Spiel selbst bezeichnet, so sehr. Es habe vor allem gefehlt, eine Niederlage ins Kalkül zu ziehen, erklärt Boff. Eine solche Selbstüberschätzung macht er aber nicht nur in weiten Teilen der Bevölkerung, sondern auch in der Mannschaft und beim Trainer aus. In seiner Argumentation erweist sich Boff sowohl als Fußballkenner, als auch als Analyst bzw. Kritiker der gesellschaftlichen Verfassung Brasiliens. Der Theologe prangert an, dass man nicht Schritt gehalten habe mit der Entwicklung der Fußballtechnik und somit ins Hintertreffen geraten sei. Für viele Brasilianer sei die Niederlage vor allem deshalb so bitter, weil damit die Instanz verlor, die bis dato noch das einzige war, was funktionierte und auf was man stolz sein konnte angesichts der Zerrissenheit des Landes. Boff hätte an dieser Stelle sicherlich auch noch die Massenproteste gegen die WM erwähnen können, und das Bemühen der Befürworter -trotz aller Gegnerschaft – das Land auf ein Zusammenstehen einzuschwören. Doch eben das, nämlich Solidarität, Teamgeist, aber auch Demut und Lernbereitschaft haben gefehlt und den 8. Juli zu einem bitteren Tag werden lassen.
Ein bisschen erinnern die Worte des Theologen an Deutschland in den Jahren nach dem WM-Sieg 1990. Damals schwebte man auch zunächst auf einer Wolke 7, dann folgte die Erdung und es hat Jahre gedauert bis zum morgigen Sonntag!
Apropos Religion: Aus welchen beiden Ländern kommen der emeritierte und der amtierende Papst? Wenn das kein Zufall ist…

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