Ein Frühling, der keiner ist: Ein Abend zu Arabien

Arabischer Frühling? Der Name ist irreführend. Darin waren sich Ruprecht Polenz, ehemaliger Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, und der Wirtschaftsjurist Dr. Rainer Herret einig, als sie am heutigen Mittwochabend in der Dortmunder Kommende über den Norden Afrikas und den Nahen Osten sprachen. Der Begriff Frühling wecke die Erwartung, dass der Sommer folge und es etwas zu ernten gebe, doch das Bild passe einfach nicht. Polenz stellte sehr deutlich heraus, dass zwar schon im 1. Weltkrieg die Kolonialmächte Frankreich und England weitere Teile der Region aufgeteilt und Grenzen mit dem Lineal gezogen hätten. Aber für diese Ordnung, die nun in Gefahr stehe, sich aufzusplittern, gebe es noch keine wirkliche, stabile Alternative. Europa oder auch die USA seien zudem in der Rolle, dass sie nicht mehr wirklich Einfluss nehmen könnten. Der Militärcoup in Ägypten, mit dem der Präsident Mursi gestürzt wurde, hält Polenz für falsch. Es wäre besser gewesen, die nächsten Wahlen abzuwarten, dann wäre die Moslembruderschaft ohnehin nicht wieder an die Macht gekommen.

Dass Mursi kaum eine wirkliche Chance hatte, meinte auch Rainer Herret, der die Deutsch-Arabisc he Industrie- und Handelskammer in Kairo leitet. Als seine Leute in die Ministerien kamen, trafen sie auf einen Apparat, der noch vollkommen von den alten Eliten geprägt war. Ohnehin befinde sich die Macht im Land am Nil in der Hand von 40 bis 50 Familien, stellte Herret heraus. Eine echte Demokratie werde es unter einem Präsident Sisi nicht geben, sagte er voraus. Der Wirtschaftsjurist zeichnete ein sehr differenziertes Bild von Ägypten, das durch Bevölkerungswachstum geprägt sei, aber auch von hoher Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Problemen. Gewisse Hoffnungen seien in die Entwicklung von Tunesien zu setzen, das sich als recht stabil erweise. Algerien habe einen so blutigen Unabhängigkeitskrieg geführt, dass es sich an den neuerlichen Umbruchprozessen nicht mehr beteiligt habe. Saudi-Arabien biete einen ungemein großen Markt für Investitionen, habe es Oman übel genommen, dass der Golfstaat Gespräche zwischen  den USA und dem Iran eingefädelt habe. Herret fragte übrigens das Publikum, ob es noch einen anderen Staat auf der Welt gebe, der sich nach einer Familie, der Herrschaftsfamilie, benannt sei. „Es gibt keinen außer Saudi-Arabien“.

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